Uraufführung »Träume« - Choreograph Emanuel Gat im Interview

Erstmals kommt bei den Osterfestspielen Tanz zur Aufführung: Der französisch-israelische Choreograph Emanuel Gat ließ sich von Richard Wagners »Wesendonck-Liedern« zu einem Stück mit 14 Tänzerinnen und Tänzern inspirieren. Die wichtigsten Fragen zu diesem Projekt beantwortet Gat für Sie exklusiv hier ...

Emanuel Gat (Credit: emanuel gat dance)

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Anfrage zu diesem Projekt für die Osterfestspiele erhielten?

Überrascht. Der zeitgenössische Tanz ist normalerweise recht isoliert von anderen künstlerischen Bereichen – dass mich künstlerische Leiter von Opern- oder anderen Festspielen wegen neuer Projekte ansprechen, kommt eher selten vor. Ich fand es daher recht erfrischend und aufregend, hier einmal buchstäblich „aus der Reihe zu tanzen“, ein neues Publikum zu erreichen, neue künstlerische Beziehungen aufzubauen und unser Spielfeld sozusagen auszuweiten.

Was bewog Sie, ein Stück zu klassischer Musik kreieren?

Nun, mit klassischer Musik arbeite ich schon seit 30 Jahren. So gesehen ist das nichts wirklich Neues. Noch bevor ich Tanz und Choreographie studierte, absolvierte ich ein Musikstudium, träumte davon, Dirigent zu werden. Mit dem Schritt in die Welt des Tanzes fand ich meinen Platz als Künstler. Musik – sei es klassische oder jede andere – spielt immer eine Schlüsselrolle in meinem Schaffensprozess.

Haben Sie eine grundlegende Verbindung zur Klassik, insbesondere zur Musik von Richard Wagner?

Wie schon gesagt: ja. Wenn man mich fragt, wie ich Choreographie erlernt habe, sage ich immer nur: Bach. Für mich ist Musik nicht nur Bestandteil der Stücke, die ich kreiere, sondern auch eine Inspirations- und Lernquelle. Ein künstlerisches Paralleluniversum und eine Art zu denken, die mir sehr nahe ist.

Auf Wagner bin ich recht spät gekommen – vor allem, weil er in Israel aus den bekannten Gründen eher selten zu hören ist. Als ich ihn dann entdeckt hatte, war da aber sehr schnell eine starke Verbindung. Ich finde, dass er einen weiten und sehr interessanten Raum für choreographische Dialoge und Reflexionen steckt.

Video by Julia Gat


Sie hatten ja schon einmal ein Werk zur Musik von Puccinis »Tosca« geschaffen. Wie würden Sie Ihre Arbeit mit Opernmusik beschreiben?

Sie ist gleich aus mehreren Gründen interessant: es gibt eine Story, Stimmen, Rollen, Dialoge, und außerdem kennt das Publikum Musik und Inhalt genau. Zudem ist Oper irgendwie weniger neutral als Instrumentalwerke – sie zwingt zu einem ganz anderen choreographischen Arbeiten mit den vorhandenen Elementen.

Ein Werk wie »Tosca« ist jenseits der eigentlichen Geschichte letztlich eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen der Condition Humaine wie z.B. Liebe, Eifersucht, Konkurrenz, Kummer, Angst, Ehrgeiz usw. Es geht aber auch um Elemente des sozialen Lebens wie Politik und Krieg. Dieser Inhalt ist in der Musik und den Singstimmen jenseits der eigentlichen Handlung sehr präsent. Deshalb versuche ich, mich in meiner Arbeit stärker hierauf zu beziehen und in Dialog mit den verschiedenen, in der Musik vorhandenen Faktoren zu treten.

Was können wir bei »Träume« erwarten?

Da das Werk noch unvollendet ist, kann ich die Frage schwer beantworten... Ich kann nur die Richtung erahnen, die ein Stück im kreativen Prozess einschlägt. Wir werden also sehen :-)

Richard Wagner hat ja den Begriff des Gesamtkunstwerkes geprägt, also das Zusammenfließen verschiedener künstlerischer Disziplinen oder Ausdrucksformen zu einem großen Ganzen. Lassen Sie sich in Ihrem kreativen Schaffen auch von diesem Ziel leiten?

Leiten lasse ich mich von der Idee, dass alle in einem Kunstwerk vorhandenen Elemente unabhängig von ihrer Beschaffenheit nahtlos zu einem Ganzen zusammengefügt werden sollten. Sodass sie einander unterstützen und so interagieren, dass eine Synergie und etwas Neues entsteht, das größer ist als die Summe der Einzelteile. Am einfachsten kann ich dies verdeutlichen, wenn wir zu den Ursprüngen westlicher Musik zurückgehen: einem polyphonischen Stück von Palestrina oder einer beliebigen Bach-Fuge. Hier interagieren jeweils zwei oder mehrere »Informations-Linien« kontrapunktisch so, dass etwas gänzlich Neues entsteht.

Sie kommen mit Ihrem eigenen Ensemble nach Salzburg. Warum ist es so wichtig, mit einem Ensemble zu arbeiten, das man kennt?

Der langfristige Dialog, in dem ich mit dem Ensemble stehe, ist die treibende schöpferische Kraft. Je länger und profunder der Dialog, desto weiter kann ich in meinem Such- und Schaffensprozess gehen.

Sie haben sich von Wagners berühmten »Wesendonck-Liedern« inspirieren lassen. Hören wir in »Träume« noch andere Musik? Und wenn ja, welche?

Nein, es erklingt nur diese Musik. Die übrigen Texte stammen aus Gedichten von Mathilde Wesendonck sowie aus Wagners Schrift »Die Kunst und die Revolution«.

Waren Sie schon einmal in Salzburg? Welchen Eindruck hatten Sie von der Stadt?

Ich war schon zweimal hier zu Gast: einmal für ein Projekt mit SEAD-Studenten und das andere Mal an der Felsenreitschule, wo Beleuchtung und Bühnenbild vorzubereiten waren. Die Felsenreitschule hat mich ganz besonders beeindruckt – ein fantastisch inspirierendes Ambiente.