Willkommen

Seit 2026 sind die Osterfestspiele Salzburg und die Berliner Philharmoniker neuerlich zu jener Einheit verschmolzen, als die sie 1967 von Herbert von Karajan gegründet wurden. Jedes Jahr zu Ostern kommt das Orchester, dessen Ausnahmerang keiner Worte bedarf, in die Kulturstadt an der Salzach und tauscht seinen vertrauten Platz auf dem Konzertpodium mit dem Orchestergraben, um eine Oper aufzuführen – ausschließlich hier und nur zu dieser Gelegenheit. Wurden die ersten Osterfestspiele einst mit Richard Wagners »Ring des Nibelungen« eröffnet, begehen auch wir den Neubeginn mit diesem Gipfelwerk der Operngeschichte. Und wir feiern in diesem Jahr darüber hinaus das 60-jährige Bestehen dieses so besonderen Festivals.

Der »Ring« ist ein musikalisches Drama, das auf germanischen und nordischen Epen basiert, er verlangt ein bis dahin beispiellos großes Orchester, und er erfordert Stimmen, die über alles Gewohnte der Entstehungszeit hinausgehen. Doch hinter der mythischen Handlung, hinter der instrumentalen Pracht, hinter den sprichwörtlich gewordenen »Wagner-Stimmen« steckt eine messerscharfe Analyse des Weltgetriebes.

© Mathias Vef

Wenn alle Werte der Welt gegeneinander Wüten

In der Neuproduktion der Osterfestspiele haben wir all das: ein Solistenensemble mit einer Mischung aus Wagner-erfahrenen Sängern und vielversprechenden Debütanten – beispielsweise Lise Davidsen mit ihrer ersten Brünnhilde –; das beste Orchester der Welt unter der kongenialen Leitung von Kirill Petrenko; und eine Inszenierung, die den Gefährdungen der Schönheit unserer Erde nachspürt.

Wagner hat damals den Zustand seiner Zeit durchleuchtet. Das Ende der Welt, wie sie war, schien ihm nötig, um eine neue, bessere auf den Trümmern der alten aufzubauen. Im »Ring« wird die Natur zu Beginn zweifach verletzt: Wotan entreißt der Weltesche einen Ast als Unterlage für die Gesetze einer neuen Weltordnung; Alberich setzt sich über die Naturgesetze hinweg, indem er das Rheingold zu Geld macht. Das ist der Anfang eines Weltendramas, in dem Treue und Untreue, Verantwortung und Eigennutz, Liebe und Liebesverzicht, alle Werte der Welt gegeneinander wüten, seit ihren Anfängen bis in unsere Zukunft. Wagners Warnung hat auf beängstigende Weise ihre Gültigkeit behalten.

Der Regisseur Kirill Serebrennikov weitet die Perspektive von Wagners Erzählung über den europäischen Kontinent hinaus: Spielte das »Rheingold« in verödeten, eisbedeckten Landstrichen Afrikas, begibt sich die »Walküre« nach Amerika und bezieht die mexikanische Tradition des Día de los Muertos, des »Tags der Toten«, in die Interpretation mit ein. Für die im »Ring« durch die Weltesche und das Gold im Rhein symbolisierte Natur findet Serebrennikov neue Bilder.

© Mathias Vef

Die Exzellenz der Berliner Philharmoniker im Musiktheater wird ergänzt durch ein vielfältiges Konzert- und Rahmenprogramm. Ein Orchesterkonzert und zwei große Chorwerke bereichern die drei »Walküre«-Vorstellungen. Der junge israelische Dirigent Lahav Shani hat schon mehrfach mit den Berliner Philharmonikern musiziert. In Salzburg dirigiert Shani, der gerade sein Amt als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker angetreten hat, nun Modest Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung«. Bei Sergej Prokofjews drittem Klavierkonzert freuen wir uns auf Martha Argerich: eine Interpretin, die als lebende Legende mit unerschöpflicher Energie das Klavier zum Glühen bringt.

Die Chorkonzerte präsentieren zwei geistliche Kompositionen, die auf ganz verschiedene Weise das Göttliche im Menschen Klang werden lassen. Emmanuelle Haïm dirigiert Georg Friedrich Händels »Messiah« in der englischen Originalsprache, die Solistenriege wird angeführt von Sabine Devieilhe, den Chorpart singt das von der Dirigentin gegründete Ensemble Le Concert d’Astrée. Kirill Petrenko widmet sich – gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin und mit Golda Schultz, Wiebke Lehmkuhl, Sebastian Kohlhepp und David Steffens als Solistenquartett – Ludwig van Beethovens Missa solemnis. Beethoven selbst hielt diese Messe für sein »größtes Werk«. Was Kirill Petrenko an der Missa solemnis fasziniert, steckt in einem Satz, mit dem Beethoven selbst frei den Philosophen Immanuel Kant zitiert: »›Das Moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns‹ Kant!!!«. Mögen auch jenseits des Erkennbaren Kräfte wirken, die für uns unbegreiflich sind, kann uns doch keine Religion und keine Weltanschauung davon entbinden, das Richtige zu tun. Jeder Mensch bleibt für seine Taten selbst verantwortlich. Darin trifft sich Beethovens Überzeugung mit derjenigen Wagners, wie er sie im »Ring« so eindringlich schildert.

Nikolaus Bachler
Intendant und Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg