Farbexplosion im Frühling

Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Richard Wagners »Die Walküre« zwischen Kammerspiel, Kultur-Verschmelzung und Karneval

Regisseur Kirill Serebrennikov bei Dreharbeiten in Estland zu seiner Inszenierung von »Die Walküre« © Daniil Orlov

Wo haben sie Ansatzpunkte für Ihre Sicht auf »Die Walküre« gefunden?

Kirill Serebrennikov: In »Das Rheingold« haben wir uns in einer mehr oder weniger farblosen Umgebung befunden. Es war Winter. Man sah nur die Farbe von Eis oder schwarzem Sand. Jetzt kommen wir in den Frühling und in eine Welt voller Farben, in die bunte Welt des südamerikanischen Karnevals. Das bringt eine regelrechte Farbexplosion mit sich. Außerdem spielt im Karneval das Element Feuer ein große Rolle, und Feuer ist ein Hauptmotiv der Oper.

Im Gegensatz zum »Rheingold« ist »Die Walküre« quasi ein Kammerspiel. Es gibt zwar die acht Walküren, ansonsten aber nur sechs Personen. Im Grunde ist es eine Familiensaga: eine Geschichte von Vater und Tochter, von Schwester und Bruder, von Frau und Mann, die sich in unserer Interpretation in dieser Atmosphäre des Karnevals abspielt.

In Wagner Leben spielt der Karneval ja auch eine gewisse Rolle.

Kirill Serebrennikov: Das ist interessant: In seiner frühen Oper »Das Liebesverbot« nach Shakespeares »Maß für Maß« geht es um den Karneval. Und Wagner starb in Venedig zur Zeit des Karnevals, am 13. Februar 1883, das war ein Faschingsdienstag. Wenige Tage vor seinem Tod hat er noch am Karneval teilgenommen und soll bei seiner nächtlichen Rückkehr in den Palazzo Vendramin-Calergi zum Pförtner gesagt haben: »Amico mio, il Carnevale è andato« (»Mein Freund, der Karneval ist vorbei«). Das letzte, was Wagner in seinem Leben sah, war also der Karneval. Er steht am Anfang und am Ende seines Schaffens.

Man könnte den Eindruck bekommen, als habe er sein Leben als einen Karneval gesehen. Seltsam, brutal, aber als Karneval. Diese Idee gefällt mir, da im Karneval die Unterschiede zwischen Gesellschaftsschichten und unterschiedlichen Lebensweisen aufgehoben sind.

Welche Rolle spielt das Thema Verkleidung in der »Walküre«, also so zu tun, als wäre man jemand anderes?

Kirill Serebrennikov: Die Personen geben oft etwas vor, was sie nicht sind. Sie tragen gewissermaßen Masken. Zweitweise verbergen sie etwas, dann enthüllen sie etwas. Zum Beispiel Siegmund ganz am Anfang der Oper. Oder Wotan, der sich den Anderen in unterschiedlicher Gestalt zeigt.

© Daniil Orlov

Hat das auch eine politische Dimension? Denn Wotan ist ja nicht nur Vater und Ehemann, sondern auch jemand, der sehr viel Macht hat.

Kirill Serebrennikov: Wotan hat zwar immer noch die Macht als oberster Gott, wird aber plötzlich sehr sensibel und menschlich. Gerade die letzte Szene mit Brünnhilde ist ein Meisterwerk des psychologischen Theaters. Zwei Menschen verloren in der Zeit, verloren im Feuer des Universums. Es ist eine Oper, in der etwas Politisches auf einmal sehr menschlich wird.

Brünnhilde tritt als eigentliche Hauptfigur der Oper hervor. Was ist das Besondere an dieser Frau?

Kirill Serebrennikov: Sie ist Tochter eines Gottes, eines Kriegers, sie ist Beschützerin, eine Person, die zögert, eine Person, die für Werte kämpft. Sie ist eigentlich eine sehr moderne Frau, die sehr stark ist und zugleich voller Liebe und Mitgefühl.

»Die kommerzielle und ideologische Nutzung dieser tollen, außergewöhnlichen Musik spielt für mich keine Rolle. Ich lasse sie in mir klingen und spüre meinen Visionen nach. Und diese sind voller Farben.«



Kirill Serebrennikov über den Walkürenritt


Im »Rheingold« standen Macht und Reichtum im Zentrum, und in der »Walküre« erleben wir nun die menschlichen Konsequenzen davon. Ist es das, worum es geht?

Kirill Serebrennikov: Ich möchte auf jeden Fall die menschliche Seite auf der Bühne zeigen. Und da sind wir wieder beim Karneval, der auch etwas zutiefst Menschliches ist.

Wie spielen die verschiedenen Kulturen der Welt, wie sie schon im »Rheingold« auf der Bühne zu sehen waren, in Ihre Interpretation der »Walküre« mit hinein?

Kirill Serebrennikov: Ich verwende auch hier Elemente aus unterschiedlichen Kulturen und lasse sie verschmelzen, um daraus etwas Neues zu erschaffen. Ich möchte den Mythos einer neuen Menschheit erzählen, die sich aus den Überresten anderer Zivilisationen formiert. Hier werden es sehr farbenfrohe Elemente sein. Im Fall der »Walküre« interessieren mich vor allem Kulturen, in denen das Feuer wichtig ist und eine spirituelle Rolle spielt. Feuer als Mittel der Läuterung und der Reinigung.

Auch einen Film als zweite Erzählebene wird es wieder geben.

Kirill Serebrennikov: Die Geschichte von Siegmund und Sieglinde wollten wir auf einer Wiese mit ganz hohem Gras spielen lassen. Der einzige Ort, wo wir solch eine Wiese finden konnten, war in Estland. Eigentlich war das Gras zum Zeitpunkt, als wir gedreht haben, schon gemäht, aber auf diesem einen Feld hat es der Bauer extra für uns stehen lassen, damit wir in diesen intensiven, sattgrünen Farben die sehr emotionalen Liebesszenen des Wälsungenpaars filmen konnten.

Dreharbeiten in Estland: Das Wälsungenpaar Siegmund & Sieglinde vor der Kamera © Daniil Orlov

Der Walkürenritt ist eine der bekanntesten Melodien der Musikgeschichte. Wie gehen sie an dieses Stück Musik heran, das nicht nur durch Filme und Werbung etwas überstrapaziert ist, sondern auch ideologisch ausgeschlachtet wurde?

Kirill Serebrennikov: Ich behandle das Stück, als wäre es erst gestern komponiert worden. Die kommerzielle und ideologische Nutzung dieser tollen, außergewöhnlichen Musik spielt für mich dabei keine Rolle. Ich lasse sie in mir klingen und spüre meinen Visionen nach. Und diese sind voller Farben. Auch hier schaffen viele bunte Kostüme eine Atmosphäre des Karnevals.

Wie können Sie die Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko und seine Herangehensweise an Wagner beschreiben?

Kirill Serebrennikov: Für mich ist es etwas ganz Besonderes, Kirill Petrenko als Mitschöpfer der »Walküre« und des ganzen »Ring« an meiner Seite zu haben. Wir hatten viele Treffen, und er besucht jede Probe. Er weiß, was ich mache, und ich kenne mehr oder weniger seinen musikalischen Ansatz.

Was mir gefällt ist, dass sein Wagner sehr lebendig ist. Es ist definitiv nicht die klassische, schwere, düstere Tradition der Wagnerinterpretation. Bei ihm funkelt es, ist voller Energie. Er frischt diese großartige Musik auf und vermittelt das Gefühl, dass Wagner ein Komponist ist, der heute zu unserer Welt und unserem Leben gehört.

In der Felsenreitschule sitzt das Orchester ziemlich hoch und ist fast Teil der Bühne. Ist das eine zusätzliche Herausforderung für Sie?

Kiirll Serebrennikov: In der Felsenreitschule zu arbeiten, ist generell eine Herausforderung, weil die Bühne sehr speziell ist: keine Seitenbühnen, riesige Dimensionen, ein sehr hoher Orchestergraben. Durch die Steinwände und die Arkaden hat man das Gefühl, gar nicht in einem Theater zu sein.

Die Inszenierung ist eigens für diesen einzigartigen Raum geschaffen. Ein musikalisches Erlebnis und ein Theatererlebnis zugleich, ganz im Sinne von Wagners Idee des Gesamtkunstwerks.