Der Regisseur Kirill Serebrennikov inszeniert einen neuen »Ring des Nibelungen« zwischen den Kulturen.
Kirill Serebrennikov @ Frol Podlesny
Der »Ring« kann alles Mögliche sein: ein Fantasy-Abenteuer, eine Telenovela-Geschichte, ein großartiges Gesamtkunstwerk. Was bedeutet der »Ring« für Sie?
Kirill Serebrennikov: Es ist ein Projekt, auf das ich sehr lange gewartet habe und an dem ich schon viele Jahre arbeite. Für mich werden dadurch neue gedankliche Türen aufgestoßen. Es ist eine Reise voller Abenteuer, und ich stelle mir den »Ring« als eine weltweite Reise vor. Er wird in einer postapokalyptischen Welt nach einer großen Katastrophe spielen. Die Menschheit beginnt langsam, sich zu regenerieren und einen Weg zu finden, wie man weiterleben und eine neue Form der Existenz finden kann.
»Das Rheingold« ist in einer Region angesiedelt, die man Afrika nennen könnte, und die anderen Opern werden in unterschiedlichen Teilen der Welt verortet sein. Es ist immer ein anderer Kontinent und eine andere Kultur. Wagner wird global.
Vieles ist schon über den »Ring« gesagt worden, die Tetralogie ist sehr oft und auf ganz verschiedene Weise interpretiert worden. Kann man sich davon frei machen, und was entdecken Sie Neues in Wagners Werk?
Kirill Serebrennikov: Ich denke, gerade heute ist es wichtig, Wagner zu präsentieren, wie er sich in verschiedenen Kulturen widerspiegelt. In den Kulturen der Neuzeit mit ihren unterschiedlichen Glaubensvorstellungen und Wertesystemen. Ich möchte Wagners Musik mit den Codes verschiedener Kulturräume mischen. Ich finde nämlich, Wagner gehört nicht mehr nur Deutschland oder Österreich, er gehört der ganzen Welt. Deshalb wird der »Ring« in jeder Hinsicht ein Welttheater. Diese Idee passt einerseits gut zu Salzburg, ich verstehe es aber vor allem als ein weltumspannendes Theater.
»Das Rheingold« ist zwar das erste Stück des »Rings« und es fängt in einem unberührten, unverdorbenen Naturzustand an, empfinden Sie die Oper aber tatsächlich als einen Beginn?
Kirill Serebrennikov: In meiner Interpretation geht es um den Neubeginn des Lebens nach einer Katastrophe. Wir finden die Überreste der Zivilisation und die Ruinen der Kulturen vor. Nun mischt sich alles, organisiert sich neu und interagiert. Die Menschen tun sich in Stämmen zusammen, schaffen eine neue Religion, finden neue Götter, erschließen sich neue Lebensräume.
Sie arbeiten bei diesem Projekt mit dem Künstlerkollektiv The Recycle Group zusammen.
Kirill Serebrennikov: Diese Gruppe hat in der zeitgenössischen Kunst eine sehr starke Bildsprache, wenn es darum geht, futuristische Dinge darzustellen. Gemeinsam erschaffen wir diese verstörende, dystopische neue Welt.
»Ich habe immer das Gefühl, dass Wagner die Musik für einen großen Blockbuster geschrieben hat.«
Wagner hat im »Rheingold« einen eigenen, mythischen Kosmos kreiert mit Göttern, Zwergen, Riesen aber noch keinen Menschen. Spielt das Mythische in Ihre Interpretation mit hinein?
Kirill Serebrennikov: Ja, indem eine neue Kultur erschaffen wird, wird auch eine neue Mythologie erschaffen. Der Menschheit wird ein neues Gesicht gegeben, und jede Zivilisation hat ihre eigenen Mythen.
»Das Rheingold« wird oft als eine Göttersatire bezeichnet und hat bisweilen eine gewisse Komik. Wird es in Ihrer Inszenierung auch komische Elemente geben?
Kirill Serebrennikov: Es ist Theater mit allem, was dazugehört. Es ist ein Gesamtkunstwerk, wie man so sagt. Deshalb wird es bei uns zum Beispiel auch Film und verschiedene Medien geben, es wird sehr körperliches Theater geben, Choreographie, Lichtdesign, und natürlich gibt es Wagners Musik. Das Publikum soll das Stück mit allen Sinnen erfahren.
Auch die Kostüme spielen eine große Rolle...
Kirill Serebrennikov: Mit den Kostümen kann man sehr viel über die Figuren erzählen. Auch die Kostüme sind ein Mix aus verschiedenen Kulturen. Man kann sagen, dass es wirklich ein internationales Projekt ist. Wir haben Kostüme von überall auf der Welt. Einige kommen aus Afrika, einige werden in Europa hergestellt. Wir kombinieren verschiedene Textilien und Schmuckgegenstände, das ermöglicht einen neuen Blick auf die Figuren.
Der »Ring« bei den Osterfestspielen erstreckt sich über mehrere Jahre. Haben Sie schon das komplette Konzept im Kopf oder entwickelt sich das erst im Laufe der Zeit?
Kirill Serebrennikov: Ich kann nicht mit dem »Ring« beginnen ohne zu wissen, wie das Ende sein wird. Ich weiß zum Beispiel, dass »Das Rheingold« im Winter spielt und »Die Walküre« im Frühling. Dann kommt in »Siegfried« ein sehr heißer, fast tödlicher Sommer, und in »Götterdämmerung« bringt der Herbst schließlich Hoffnungen und große Enttäuschungen.
Trotzdem werden sicher noch neue Ideen dazukommen, da ich immer weiter recherchiere. Ich bin bisher schon viel gereist und habe mich intensiv mit verschiedenen Kulturen der Welt beschäftigt, und diese Forschungsarbeit wird in den nächsten Jahren noch weitergehen.
Sie sind nicht nur Theater- und Opernregisseur, sondern machen auch Filme. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit auf der Opernbühne aus?
Kirill Serebrennikov: Ich habe immer das Gefühl, dass Wagner die Musik für einen großen Blockbuster geschrieben hat. Seine Idee vom Gesamtkunstwerk passt gut zum Film. Alle seine Visionen hat er in ein großes Meisterwerk gepackt, und seine Vorstellungen finde ich sehr zeitgemäß. Wenn man Wagners Musik hört, hat man gleich sehr viele Bilder im Kopf.
Welche Rolle spielt Wagner in Ihrer Heimat Russland?
Kirill Serebrennikov: Es gibt diese Geschichte, dass 1940 die Regierung der Sowjetunion beschlossen hat, im Bolschoi Theater »Die Walküre« zu spielen, nachdem Stalin und Hitler den Molotow-Ribbentrop-Pakt eingegangen waren. Sergej Eisenstein und noch ein anderer jüdischer Künstler sollten inszenieren.
Es ist doch eine verrückte Vorstellung, dass in der Sowjetunion und zur Zeit des Nationalsozialismus gerade zu solch einem Anlass zwei Künstler jüdischer Abstammung eine Wagner-Oper auf die Bühne bringen sollten. Etwas anscheinend Unmögliches war plötzlich möglich. Und in Diktaturen war es schon immer so, dass die Kunst für Propaganda missbraucht wurde. Das ist heute noch genauso.