100 Prozent genügen nicht, es müssen 150 Prozent sein

Sir Antonio Pappano, unser Festival-Dirigent 2024, über die Accademia di Santa Cecilia, den leidenschaftlichen Klang Italiens und sein liebstes »Guilty Pleasure«

© ANSC_Musacchio, Ianniello & Pasqualini

Die Osterfestspiele Salzburg 2024 sind mit »Vor mir der Süden…« überschrieben. Was bedeutet die Einladung an die Salzach für Sie?

Antonio Pappano: Seit 18 Jahren arbeite ich mit dem Orchester und Chor der Accademia di Santa Caecilia in Rom zusammen, und jetzt kommt dieser Höhepunkt: die Osterfestspiele mit Fokus auf Italien. Wir bringen italienische Musik, leidenschaftliche Klänge, die den Geist, den Kern von dem, was uns Italiener ausmacht, sehr gut beschreiben. Darauf bin ich sehr stolz! Wir werden die noch nie bei den Osterfestspielen aufgeführte Oper »La Gioconda« von Amilcare Ponchielli machen, mit einer phantastischen Besetzung.

Was macht »La Gioconda« für Sie aus?

Antonio Pappano: Diese Oper fasst all das zusammen, was charakteristisch für eine italienische Oper ist: Melodrama, Konflikt, Liebe, Hass - starke Emotionen und unglaubliches Temperament. Dazu kommt viel Chor, expressive Passagen und lyrischer Gesang. Das Stück berührt mich sehr und ich bin wirklich froh, dass wir damit zu den Osterfestspielen eingeladen werden, da es hier eine echte Beziehung zu Italien gibt. Wir, die ganze Familie, das Orchester und der Chor der Santa Cecilia kommen nach Salzburg, um zu zeigen, was wir unter »italienischer Musik« verstehen. Und ich kann versprechen, dass wir mit sehr viel Leidenschaft und Liebe an die Arbeit gehen werden.

Das Werk steht am Beginn des Verismo und wird selten gespielt – warum haben Sie sich gerade für diesen und gegen einen populäreren Titel entschieden?

Antonio Pappano: Dafür haben wir im Englischen zwei Worte: Guilty Pleasure! Irgendwie ist es fast schon zu viel, dieser Genuss an Stimmen und Melodien. Aber warum sieht man sich denn eine italienische Oper an? Weil die Melodien überzeugen! Ich habe »La Gioconda« bisher nur konzertant dirigiert und ich möchte es unbedingt szenisch auf der Bühne sehen. Auch wenn es eine beträchtliche Aufgabe ist: Es gibt einen großen Chor, die Akte sind imposant und die Struktur dieses Werkes ist enorm, aber ich will die Herausforderung annehmen.

Oliver Mears wird die Neuproduktion inszenieren. Sie kennen sich durch die langjährige Zusammenarbeit am Royal Opera House in London. Was schätzen Sie an seiner Arbeit als Regisseur?

Antonio Pappano: Jeder gute Regisseur befasst sich eingehend mit dem Libretto, arbeitet mit den Wörtern, so wird der Text nicht dekorativ, sondern essenziell. Für mich als Theatermensch ist das die Hauptsache. Oper ist die Mischung aus Text und Musik und Oliver Mears versteht das. Er weiß, dass diese Auseinandersetzung mit dem Text für mich ein Muss ist, daher bin ich sehr froh, mit ihm zusammenarbeiten zu können. Wir haben gemeinsam schon einen wunderbaren »Rigoletto« gemacht, ein sehr schweres, gewichtiges Stück mit einem besonderen Geist.
Man muss »La Gioconda« mit eben dieser Ernsthaftigkeit begegnen, es wäre einfach dieses Werk als Sängerfest zu zelebrieren und sich auf der Starbesetzung zu verlassen, aber das wäre nicht genug. Es gibt eine Geschichte, es gibt psychologisch sehr interessante Charaktere und das muss in unserer Produktion zum Tragen kommen.

Antonio Pappano und der Chor und das Orchester der Accademia di Santa Cecilia © Fabio Lovino/contrasto

Wie würden Sie die Musik von Amilcare Ponchielli beschreiben?

Antonio Pappano: Die Musik ist technisch gesehen nicht einfach. Dieses unruhige Leitmotiv ist sehr schwer zu spielen und man muss als Dirigent eine unglaubliche Theatralität haben, sonst funktioniert das Ganze überhaupt nicht. Es gibt viele wunderbare Melodien, einige wiederholen sich ähnlich einem Leitmotiv, aber der Geist des Gesamten muss »over the top« sein, 100 Prozent genügen nicht, es müssen 150 Prozent sein! Und dann muss man sechs erstklassige Sängerinnen und Sänger finden, die das singen können, diese Oper lieben und Teil einer richtigen Inszenierung sein wollen- nicht nur dastehen und singen. Das ist sehr schwer, und ich glaube darum wird »La Gioconda« auch nicht so oft gespielt.

In der Titelrolle wird Anna Netrebko ihr Rollendebüt geben …

Antonio Pappano: Anna hat ein großes Herz und einen unglaublichen theatralischen Instinkt, beides ist für diesen hochemotionalen Charakter absolut notwendig. Und ihre Stimme ist natürlich wunderbar, technisch ist sie absolut sicher und in den letzten Jahren ist ihre Stimme in der mittleren und tieferen Lage reifer geworden - das ist für die Gioconda ideal.

Jonas Kaufmann singt an ihrer Seite den Enzo Grimaldo.

Antonio Pappano: Es hat selten einen Sänger gegeben, der an Stücken aus einem so breiten Repertoire interessiert ist. Jonas hat mit mir viele Debüts gemacht: seinen ersten Don José, seinen ersten Andrea Chénier, seinen ersten De Grieux in »Manon Lescaut«, seinen ersten Otello. Und die szenische »La Gioconda« hier in Salzburg wird auch wieder ein Debüt für ihn werden. Ich würde sagen, die Intelligenz und die Musikalität sind bei Jonas einfach anders, er hat unglaubliche Möglichkeiten der farblichen Differenzierung und der Sprachrhythmus seines Italienisch stimmt - das ist für einen Deutschen sehr selten, das muss man einfach sagen. (Lacht)