Straßen der Musikgeschichte

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester präsentieren bei den Osterfestspielen 2023 ein Konzertprogramm zwischen Tradition und Moderne. Das Spannungsfeld zwischen Rastlosigkeit und Ruhe, zwischen Bedrohung und Trost, in dem sich die Werke von Schumann, Brahms, Bruckner und Gubaidulina bewegen, beschreibt Nelsons im Interview.

Foto: Marco Borggreve

Sie bringen das Kernrepertoire des Leipziger Gewandhausorchesters mit nach Salzburg. Welche Bedeutung hat Leipzig für die Musik, und welche Beziehung haben Sie als Gewandhauskapellmeister zu dieser Stadt?

Seit Bachs und später Mendelssohns Zeiten war Leipzig wie eine Mini-Hauptstadt für klassische Musik, und das ist es auch heute noch. Sehr viele Komponisten haben eine Geschichte mit Leipzig oder sie haben dort begonnen: Wagner wurde in Leipzig geboren, es fanden viele Beethoven-Uraufführungen dort statt, Mahler hat in dieser Stadt gearbeitet und außerdem viele berühmte Dirigenten. Leipzig war auch der Sitz einiger wichtiger Musikverlage.

Wenn ich in Leipzig bin, muss ich immer daran denken, welche bedeutenden Musikerpersönlichkeiten dort gelebt haben, durch dieselben Straßen gegangen sind, durch die ich jetzt gehe, und möglicherweise in denselben Restaurants gegessen haben wie ich. Auch wenn es viele historische Gebäude nicht mehr gibt, so strahlt diese Stadt doch eine ganz besondere Atmosphäre aus.

Wenn ich nun mit dem Gewandhausorchester nach Salzburg komme, möchten wir ein Stück dieses Leipziger Geists mitbringen.

In den Konzertprogrammen spannen Sie den Bogen von Klassik und Barock bis zur Moderne. Welche Idee steckt hinter dieser Programmzusammenstellung?

Das Programm ist voller Kontraste. In Leipzig fanden schon immer viele Uraufführungen statt – früher und heute auch noch –, und neuen Werken wurden größere Chancen gegeben als vielleicht in anderen europäischen Städten. Seinerzeit etwa dem 5. Klavierkonzert von Beethoven, der 4. Symphonie von Mendelssohn oder der 7. Symphonie von Bruckner, die unter Arthur Nikisch in Leipzig uraufgeführt wurde. Gerade das ist besonders interessant für mich persönlich, da Nikisch genau wie ich Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra und Gewandhauskapellmeister war. Da gibt es also eine Parallele, und deshalb freue ich mich auch sehr, diese Symphonie bei den Osterfestspielen zu präsentieren. Bruckner hatte zu seinen Lebzeiten damit in Leipzig seinen ersten großen Erfolg, und so ähnlich verhält es sich auch mit der 2. Symphonie von Schumann.

Sind dies Werke, mit denen sich auch das Gewandhausorchester besonders verbunden fühlt?

Allein durch seine Geschichte hat das Orchester eine sehr enge Beziehung zu diesen Werken und diesen Komponisten. Sie sind Teil der DNA des Orchesters. Die Identität eines jeden Orchesters kommt durch den individuellen Klang, und dieser Klang muss kultiviert werden. So wie man Übungen für den Körper macht, so muss ein Orchester an seinem Klang arbeiten. Und das Gewandhausorchester hat diesen besonders transparenten Klang bei Mendelssohn oder Schumann. Es heißt immer, Schumanns Instrumentierung sei sehr dick, alles sei forte. Wenn ich aber mit dem Gewandhausorchester Schumann interpretiere, klingt alles sehr durchsichtig, und es ist nicht dasselbe Forte wie bei anderen Komponisten. Auch diese Unruhe von Schumanns Persönlichkeit kommt wunderbar zum Ausdruck. Aus diesem speziellen Orchesterklang kann ich als Dirigent viel über all diese Komponisten lernen.

Foto: Marco Borggreve

Wie reiht sich nun Sofia Gubaidulina in die Geschichte des Orchesters ein?

Sie ist gerade Composer in Residence beim Gewandhausorchester. Damit möchten wir mit einer der wichtigsten Komponistinnen von heute das fortsetzen, was mit Mendelssohn, Schumann und Bruckner begonnen hat, nämlich eine enge Beziehung aufbauen zwischen Orchester und Komponist oder Komponistin. Wir sind also einerseits stolz auf unsere Vergangenheit, wir schauen aber auch in die Zukunft.

Gubaidulinas »Der Zorn Gottes« ist ein Auftragswerk der Osterfestspiele. Welchen Klang können wir bei diesem neuen Werk erwarten?

Das ist ein wirklich beängstigendes Stück. Gubaidulina setzt insbesondere die niedrigen Frequenzen und die tiefen Instrumente wie Kontrabass, Tuba, Kontrafagott oder Schlaginstrumente meisterhaft ein. Das klingt sehr bedrohlich. Gerade heutzutage mit all den schrecklichen Dingen, die auf der Welt passieren, ist dieser Klang des Zorns sehr aktuell – selbst wenn wir daran glauben, dass Gott auch vergibt.

... und diese Vergebung kommt insbesondere im »Deutschen Requiem« von Brahms zum Ausdruck.

Neben der Rastlosigkeit des »Tannhäuser« der Unruhe bei Schumann oder Bruckner und der Bedrohlichkeit bei Gubaidulina soll das »Deutsche Requiem« einen Ruhepol im Programm der Osterfestspiele bieten. Es ist ein Werk, das Trost spendet. Wenn wir ein Requiem aufführen oder hören, konfrontiert uns das immer mit uns selbst. Wir müssen uns fragen, was nach unserem Tod passiert. Bei vielen Requiems empfinde ich immer eine gewisse Furcht – man denke nur an das Dies irae im Verdi-Requiem –, das Brahms-Requiem verströmt hingegen ein sehr tröstliches Gefühl. Wie wenn man in den Arm genommen wird und gesagt bekommt: Keine Angst! Alles wird so sein, wie es uns versprochen wurde. Selbst wenn man nicht gläubig ist, fühlt man sich von der Musik umarmt. Der Klang des Orchesters, des Chors und der Solisten hat etwas sehr Beruhigendes, und genau das brauchen wir im Moment. Wir brauchen Werte, an denen wir uns festhalten können.

Sie sind regelmäßiger Gast in Salzburg. Was macht für Sie den Reiz von Salzburg als Festspielstadt aus?

Ich finde, die Stadt bietet noch viel mehr als nur die verschiedenen Festivals: die Natur, die Berge, den Fluss, die Architektur. Und all das ganz unabhängig von den Festspielen. Wir Musiker denken aber natürlich immer als erstes an die Festspiele mit diesem internationalen Publikum. Salzburg ist ein wunderbarer Ort der Begegnung, an dem man Kollegen trifft und als Künstler auch anderen Künstlern zuschauen und -hören kann.