Anja Schneider und Sven Marquardt interpretieren mit »Heartbroken« Richard Wagners »Ring« neu. Erfahren Sie mehr in einem Gespräch mit Sabine Röthig über elektronische Musik, Schwarzweißfotos und ein sitzendes Publikum.
Anja, wie hast du dich dem »Ring des Nibelungen« von Richard Wagner genähert?
Anja Schneider: Ich habe mich natürlich erstmal intensiv mit Wagner befasst, viel gelesen, mir verschiedene Interpretationen des Werkes angehört. Ausschlaggebend für meine Arbeit war aber am Ende weniger die Musik, sondern vielmehr die Geschichte, die in der Nibelungensage erzählt wird. Das liegt vielleicht daran, dass ich meine DJ-Sets auch als Geschichten begreife. Die Geschichten eines Abends. In langen Clubnächten finden diese großen Katastrophen um Liebe und Verrat ja im Kleinen genauso statt wie in der Legende, die dem Ring zugrunde liegt.
Warum wolltest du für die Aufführung mit Sven Marquardt zusammenarbeiten?
Anja Schneider: Ich kenne Sven schon lange, wir haben vor Jahren schon einmal zusammengearbeitet. Ich kenne seine Geschichte sehr gut, habe sein Buch gelesen, gehe regelmäßig auf seine Ausstellungen – und er war Gast in meinem Podcast. Ich finde seinen Arbeiten einfach toll. Als ich vor ein paar Wochen »Disturbing Beauty« in Berlin gesehen habe, war ich sehr inspiriert davon. Svens Werke waren an die Wände projiziert und ein Pianist spielte dazu, was dem Raum eine ganz besondere Atmosphäre gab. Letztendlich war dieses Gesamtkunstwerk ausschlaggebend für meine Entscheidung, Sven einzuladen. Den tiefen Gefühlen, die es transportierte, begegnen wir auch bei Wagner. Ich wusste auch schnell, dass es mir nicht reichen würde, die Sache nur musikalisch anzugehen. Ich glaube an das Zusammenspiel verschiedener künstlerischer Disziplinen. Im Club spielen Visuals ja auch eine große Rolle.
Sven, was hast du gedacht, als die Anfrage von Anja kam?
Sven Marquardt: Ich bin ja genau wie Anja nicht in der sogenannten »Hochkultur« unterwegs, was aber toll ist – denn es gibt ja durchaus Schnittstellen zwischen der klassischen Sphäre und dem Club. Der große Berliner Club, für den ich bekanntlich arbeite, hat ja genau diese Schnittstellen längst ausgelotet. Es gab eine Staatsballett-Inszenierung, eine Opernaufführung, die sich über das gesamte Gebäude des Berghains erstreckte, und vieles mehr. Deswegen habe ich mich sehr über die neuerliche Einladung zur Zusammenarbeit gefreut.
Hat es gut funktioniert, Wagners »Ring« visuell zu interpretieren?
Sven Marquardt: Ich finde, dass meine Bilder sowieso nicht weit weg sind von der Dramatik dieser großen Überschriften wie Liebe, Hass, Vergänglichkeit, Schönheit, Neuanfang. Also all das, was wir auch in Wagners Werk finden. Insofern passt das alles sehr gut zueinander, fast so, als hätten meine Bilder und die Osterfestspiele Salzburg schon immer zusammengehört. Zumal in meinen Fotografien viel zu viel Information für den konventionellen Dancefloor steckt.
Gab es eurerseits Berührungsängste mit der Klassik-Sphäre?
Sven Marquardt: Klar fragt man sich immer wieder mal: Ist das vielleicht zu seicht? Wir wollen ja keine Pausenaufführung in der großen Inszenierung sein, sondern etwas entgegensetzen. Das Programm der Osterfestspiele ist extrem gut, auch die Berliner Philharmoniker werden nach vielen Jahren wieder spielen. Aber das ist ja alles schon da. Das Einbinden elektronischer Musik soll den Horizont erweitern und Dinge aus unterschiedlichen Welten zusammenführen; was ja sehr zeitgemäß ist.
Anja Schneider: Ich glaube auch nicht, dass wir ein Füllprogramm sind, wir sind vielmehr ein Türöffner. Wir haben eben einen anderen Ansatz.
Anja, die Nibelungen sind ja nicht gerade ein Kaffeekränzchen, es wird sogar gemordet. Diese Schwere ist sicher auch in deiner Neuinterpretation zu spüren, oder?
Anja Schneider: Ich habe Musik herausgesucht, die bei mir die entsprechenden Bilder im Kopf erzeugt hat. Das kann dann auch mal wehtun. Das ist nicht unbedingt Hüftenkreisen! Zwischen düster und aufregend, würde ich sagen. Das DJ-Set wird etwa 90 Minuten lang sein und aus meinen Tracks und den Tracks anderer Künstler bestehen. Die große Herausforderung ist ja, ein Set schon vorher festzulegen. Als DJ arbeite ich sehr intuitiv, und entscheide im Laufe des Abends, welche Tracks ich spiele. Das ist in Salzburg anders, hier muss ich mir vorher überlegen, wie der Abend wird.
Und wie zeigt sich diese Dramatik bei dir, Sven?
Sven Marquardt: Die Grundstimmung meiner Bilder ist ja immer ein bisschen düster. Ich bin mit den Protagonisten, Models und Tänzern in die Uckermark gefahren und habe sie im Wald fotografiert. Sie sehen auf den Fotos tatsächlich teilweise so aus, als hätten sie fluchtartig die Stadt verlassen müssen. Also das ist alles schon sehr dystopisch. Aber mal abgesehen davon, planen Anja und ich auch Visuals ein, die nur aus Wörtern bestehen. Frei assoziierte Begriffe, die auf Mesh in die Kulisse der Felsenreitschule projiziert werden. Dazu um die 150 Motive von mir. Ich arbeite dafür mit dem Berliner Künstler Tilius zusammen, was spannend ist: Ich als analoger Fotograf treffe auf einen jungen Visual Artist, der hauptsächlich digital arbeitet. Meine Fotos sollen aber nicht zu stark verfremdet werden, denn wir wollen nicht die Optik eines DJ-Sets auf einem Festival, wo große AI-Projektion die Gesamtstimmung dominieren.
»Die Grundstimmung meiner Bilder ist ja immer ein bisschen düster. Ich bin mit den Protagonisten, Models und Tänzern in die Uckermark gefahren und habe sie im Wald fotografiert. Sie sehen auf den Fotos tatsächlich teilweise so aus, als hätten sie fluchtartig die Stadt verlassen müssen.«
Sven Marquardt
Etwas Brutalistisches hat ja auch die Architektur der Felsenreitschule. Wie wichtig ist sie als Rahmen eures Werkes?
Anja Schneider: Für mich ist der Sound extrem wichtig. Wie kommt die Musik in diesem Raum rüber. Gerade Musik, die so ein bisschen düster und dubby ist und durch den Magen funktioniert, das muss man durch die Anlage spüren. Wir waren natürlich vorher da, um ein Gefühl für den Raum zu bekommen. Das ist total wichtig.
Sven Marquardt: Der Raum ist gigantisch!
Klassikpublikum sitzt und klatscht im besten Fall, das Clubpublikum steht und tanzt, wenn es gut läuft. Machst du dir darüber Gedanken?
Anja Schneider: Ich habe deswegen schlaflose Nächte! Das ist für mich eine totale Herausforderung. Ein sitzendes Publikum! Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass die Menschen in Salzburg zu meiner Musik tanzen werden. Ich interpretiere Wagner, es ist kein Clubabend.
Enthält dein Set eigentlich originale Passagen aus dem »Ring«?
Anja Schneider: Nein, dafür gibt es ja die anderen Aufführungen. Klar versuche ich auch mit Elementen aus der Klassik zu arbeiten, aber auf meine Weise. Ich interpretiere das komplett anders.
Welche Parallelen gibt es in Wagners Drama und dem Drama von Berlin?
Anja Schneider: Ich habe ja schon ein paar Attribute genannt: Liebe, Eifersucht, Rache, gebrochene Herzen, Neid, Habgier. Das gab es damals und das gibt es heute. Auf dem großen und auf dem kleinen Parkett. Dennoch ist unsere Arbeit eine Berliner Interpretation, weil es schon die Musik ist, die in Salzburg in den Clubs eher nicht so läuft.
Berlin ist ja auch irgendwie eher eine düstere Stadt im Vergleich zu Salzburg.
Sven Marquardt: Die langen grauen Berliner Winter haben tatsächlich einen dystopischen Beigeschmack. Liebt man oder hasst man. Oder beides?!
Für Wagner war Berlin ein Ort der Liebe, denn er traf dort seine zweite Ehefrau Cosima. Womit wir bei eurem Titel »Heartbroken« wären. Wie kam es dazu?
Anja Schneider: Sven kam damit um die Ecke und ich war am Anfang nicht besonders begeistert. Jetzt mag ich den Titel aber sehr.
Sven Marquardt: Ja, Anja brauchte eine Weile! Das ist auch total ok. Stell dir vor, da kommt der Typ für die Visuals und schlägt den Titel für dein Projekt vor! Es ging dann eine Weile hin und her. Aber dann waren wir uns irgendwann einig: Gebrochene Herzen und Seelen, das ist Wagner.
Musik und Mode gehen in der Berliner Clubszene Hand in Hand. Was werdet ihr in Salzburg tragen?
Anja Schneider: Ich werde etwas vom Berliner Modelabel Haderlump tragen, ich finde die Sachen von denen haben etwas Monumentales. Das passt einfach. Und so ein großer Mantel oder ein voluminöses Kleid finden in so einem Nibelungen-Setting endlich mal die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Sven Marquardt: Das hast du schön gesagt! Ich weiß allerdings noch nicht, was ich tragen werde. Ich mixe gerne die Designer. Ein Berliner Label wird auf jeden Fall dabei sein. Aber im Partnerlook werden wir nicht auftreten!