Die »Symphonie fantastique« steht im Mittelpunkt der Orchesterkonzerte und wird einmal zusammen mit dem Brahms-Doppelkonzert und einmal zusammen mit dem Bruch-Violinkonzert aufgeführt. Wo sehen Sie Verbindungen zwischen den Werken?
Tugan Sokhiev: Die offensichtlichste Verbindung zwischen diesen Werken besteht darin, dass sie alle sehr repräsentativ für die Romantik sind, die die Kultur des 19. Jahrhunderts in Europa dominierte, auch wenn sie einzeln ganz unterschiedliche Aspekte der Romantik zeigen. Alle drei Komponisten waren stark von Beethoven beeinflusst und – insbesondere Brahms und Bruch – ziemlich eingeschüchtert von der Aufgabe, dem kompositorischen Genie Beethovens gerecht zu werden.
Die »Symphonie fantastique« ist das früheste dieser Werke, aber auch das radikalste. Es ist natürlich ein Werk von großer Fantasie, das mit einem riesigen Orchester neue Klänge und Farben erzeugt. Wie Beethovens Pastorale hat es fünf Sätze und jeder Satz beschreibt eine Szene, aber im Falle von Berlioz sind die Szenen sehr persönlich und stehen in direktem Zusammenhang mit seiner eigenen romantischen Situation.
Brahms' Doppelkonzert ist ebenfalls ein emotionales Werk mit äußerst schönen und lyrischen Melodien, die jedoch in einer weitaus klassischeren Struktur und auf eine weitaus zurückhaltender und abstraktere Weise präsentiert werden. Auch dieses Werk hat eine persönliche Dimension, da Brahms es angeblich teilweise geschrieben hat, um sich mit seinem Freund, dem Geiger Joseph Joachim, zu versöhnen, mit dem er sich zerstritten hatte, der das Stück aber schließlich uraufführte.
Das Violinkonzert von Bruch liegt zwischen den beiden, es ist ebenfalls sehr lyrisch, allerdings mit ausladenderen Melodien und einer wärmeren und intimeren Stimmung als das von Brahms, obwohl beide mit einem rhythmischen und von Volksmusik inspirierten dritten Satz enden. Übrigens half Joachim Bruch auch bei der Überarbeitung des Konzerts, nachdem es mit einem anderen Geiger uraufgeführt worden war, und spielte selbst die Uraufführung der stark überarbeiteten Fassung.
Welchen Platz nimmt Johannes Brahms' Doppelkonzert in seinem Gesamtwerk ein und warum ist die ungewöhnliche Kombination von Violine und Cello für dieses Werk so zentral?
Tugan Sokhiev: Das Doppelkonzert entstand gegen Ende von Brahms' Leben und vereint verschiedene Stränge mehrerer Stile und Formen, mit denen er sein Leben lang verbunden war: das Konzert, die Kammermusik und die symphonische Komposition. Es ist ein sehr persönliches Werk und die ungewöhnliche Kombination von Violine und Cello ist von Bedeutung: Anstelle der Virtuosität, die wir in Violinkonzerten und Klavierkonzerten sehen, sind die Solisten hier stärker in die Komposition integriert, tauschen Themen und Ideen aus und verleihen der Musik einen kammermusikalischen Charakter, wobei das Orchester den Solisten gleichberechtigt gegenübersteht. In dieser Musik gibt es keine auffälligen Kadenzen und keine leere Virtuosität, sondern einen Dialog zwischen den Instrumenten, in dem es Brahms gelingt, volle romantische Ausdruckskraft in einer klassischen Struktur zu vereinen.
Wie war Berlioz' Lebenssituation, als er die »Symphonie fantastique« komponierte? Was ist die grundlegende programmatische Idee?
Tugan Sokhiev: Berlioz begann mit der Komposition der »Symphonie fantastique«, als er erst Anfang zwanzig war und musste sich entscheiden, ob er sein Medizinstudium fortsetzen oder eine künstlerische Laufbahn einschlagen wollte. Er entschied sich offensichtlich für Letzteres, aber als er die »Symphonie fantastique« komponierte, war er noch nicht etabliert, hatte nicht viel Geld und – was am wichtigsten war – war obsessiv in eine Schauspielerin verliebt, die seine Gefühle nicht erwiderte. Berlioz selbst sagte, dass er extreme Verzweiflung, Eifersucht und sogar opiumbedingte Halluzinationen erlebte und all diese Erfahrungen flossen in die »Symphonie fantastique« ein, der er den Untertitel »Episode aus dem Leben eines Künstlers« gab.
Die Symphonie ist ein lebendiges Porträt des psychologischen Zustands des jungen Künstlers – Berlioz –, der von Leidenschaft überwältigt ist und jeder ihrer fünf Sätze schildert ein anderes Szenario: »Träumereien – Leidenschaften« – wo wir den jungen und idealistischen Künstler kennenlernen, dann werden wir zu einem Ball mit seinem wirbelnden und leicht geheimnisvollen Walzer geführt, zu einer Szene auf dem Land, wo die pastorale Ruhe immer bedrohlicher wird, und dann zum opiumbedingten Marsch zum Schafott, in dem der Künstler halluziniert, er habe das Objekt seiner Begierde ermordet. Der fünfte Satz schließlich ist der »Traum einer Sabbatnacht«, ein grotesker und wilder Hexentanz, der mit dem »Dies irae« gipfelt und den Untergang des Künstlers markiert.
Bruchs Violinkonzert gilt als eines der beliebtesten dieses Genres – warum?
Tugan Sokhiev: Ich denke, die Beliebtheit des Bruch-Violinkonzerts liegt vor allem daran, dass es sehr unmittelbar ist: Es gibt keine lange orchestrale Einleitung, sondern nur einen kurzen, melodischen Dialog zwischen Orchester und Solist und dann tauchen wir direkt in die Dramatik des ersten Satzes ein, mit seiner Kombination aus feurigen virtuosen Passagen und schwebenden, lyrischen Themen. Es ist keine übermäßig komplizierte oder abstrakte Musik, sondern so meisterhaft geschrieben, dass sich die Musik sehr natürlich entwickelt und emotional sehr befriedigend ist, mit vielen dramatischen Kontrasten und mitreißenden, romantischen Melodien. Wie Joachim sagte, ist es ein sehr verführerisches Violinkonzert!
Sie sind seit vielen Jahren eng mit den Berliner Philharmonikern verbunden. Was bedeutet diese Beziehung für Ihr gemeinsames Musizieren?
Tugan Sokhiev: Als Dirigent gehört zu den Freuden einer langfristigen Beziehung mit einem Orchester, dass man sich gegenseitig kennenlernt und ein vertrauensvolles Miteinander entwickeln kann. Die Berliner Philharmonikern haben neben der außergewöhnlichen technischen Qualität der Musiker eine reiche Klangkultur als Orchester – sie haben die Fähigkeit, sofort auf alles zu reagieren, was ich in der Musik ausdrücken möchte. Dadurch sind die Möglichkeiten, musikalische Ideen zu erkunden, nahezu unbegrenzt.
Sie sind ein willkommener Gast in Salzburg – was bedeuten Ihnen die Stadt und die Festspiele?
Tugan Sokhiev: Vielen Dank! Für alle Musiker ist der Name Salzburg gleichbedeutend mit Mozart und den Festspielen, daher war es etwas ganz Besonderes, als ich zum ersten Mal hierher kam und es war wundervoll in die Musik, Geschichte und die schöne Natur einzutauchen – in einer solchen Umgebung ist es unmöglich, nicht inspiriert zu werden!