Wunden und Wunder

Wir leben in einer verwundeten Zeit. Wir wundern uns nicht mehr, dass wir uns Wunden schlagen. Und keine Zeit, scheint es, kann diese Wunden, die wir uns gegenseitig zufügen, mehr heilen. Und statt nach Heilung zu suchen, streuen wir Salz in unsere Wunden, als ob wir sie für immer offen halten wollen. Dabei reicht im Deutschen nur ein Buchstabe und aus der Wunde, dem Schmerz, wird das Wunder, die Überwindung des Schmerzes. Aber wozu die Wunden? Warum sie ertragen? Warum sie schlagen? Warum nicht lieber das Wunder wagen? Es gibt kein Wunder ohne uns – ebenso wie die Wunde sollten wir das Wunder anerkennen, jenseits aller christlicher Ikonographie. Und letztlich haben wir ein Geschenk, dass uns das Wunder erlebbar macht wie sonst nur die Liebe: Es ist die Musik. Denn die Musik ist Wunde, Wunder und Erlösung. In diesem Sinne haben wir für Sie 2025 ein Programm in nie da gewesener Vielfalt entworfen und empfangen Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt. Gleich drei Orchester, eine Dirigentin und drei Dirigenten werden für Sie musizieren. Im Zentrum steht Modest Mussorgskis »Chowanschtschina«, jenes »Volksdrama« aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, das ein erschütternd aktuelles politisches und gesellschaftliches Bild Russlands, geprägt von Gewalt, Macht- und Klassenkämpfen zeigt. Dirigent und Komponist Esa-Pekka Salonen stellt diesem Monumentalwerk die vielleicht berührendste Symphonie des Repertoires gegenüber – Gustav Mahlers Zweite, die sogenannte »Auferstehungssymphonie«. Und der gebürtige Finne bringt mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra ein Ensemble von verblüffender Präzision und Transparenz erstmals nach Salzburg, natürlich auch mit Musik des Nationalkomponisten Jean Sibelius im Gepäck. Dem Wunder spürt auch der junge russische Dirigent Maxim Emelyanychev mit dem Mahler Chamber Orchestra und Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium »Elias« nach.
Ich lade Sie herzlich ein, das Programm auf dieser Seite gründlich zu studieren – es gibt noch viel zu entdecken, zum Beispiel einen Abend mit dem Salzburger Mozarteumorchester und Sopranistin Sondra Radvanovsky. Ich freue mich darauf, Sie 2025 bei den Osterfestspielen begrüßen zu dürfen.
NIKOLAUS BACHLER, Intendant der Osterfestspiele Salzburg

Chowanschtschina
Modest P. Mussorgski

Modest Mussorgskis faszinierendes Volksdrama wird von dem von Publikum und Presse gefeierten Regisseur Simon McBurney inszeniert. Am Pult des Finnish Radio Symphony Orchestra steht Esa-Pekka Salonen, der eine Version des unvollendeten Werks präsentieren wird, die nur auf den von Mussorgski hinterlassenen Zeugnissen basiert.

Orchesterkonzert I
Esa-Pekka Salonen,
Jean Sibelius

Im ersten Orchesterkonzert unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen erklingt mit Jean Sibelius der finnische Nationalkomponist schlechthin mit seiner 2. Symphonie. Der Dirigent kombiniert dazu sein Cello Concerto. Bei den Osterfestspielen spielt die junge finnische Cellistin Senja Rummukainen den Solopart.

Chorkonzert I
Gustav Mahler

Für das erste Chorkonzert programmiert Esa-Pekka Salonen Gustav Mahlers 2. Symphonie, die sogenannte »Auferstehungssymphonie«: »Es ist ein Werk wie kein anderes, Mahler gibt uns hier den Schlüssel für den Grund, warum wir auf diesem Planeten sind.«

Chorkonzert II
FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY

Eines von Felix Mendelssohn Bartholdys bekanntesten Stücken - das Oratorium »Elias« - steht am Programm des zweiten Chorkonzertes. Am Pult steht mit Maxim Emelyanychev einer der spannendsten Dirigenten der jüngeren Generation, die Titelpartie wird Andrè Schuen singen.

Orchesterkonzert II
PETER I. TSCHAIKOWSKI,
ANTONÍN DVOŘÁK,
UMBERTO GIORDANO,
GIUSEPPE VERDI

Am Pult des zweiten Orchesterkonzerts gibt die junge norwegische Dirigentin Tabita Berglund ihr Salzburg-Debüt und gestaltet gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern des heimischen Mozarteumorchesters einen Abend mit Arien und Duetten aus Opern wie »Macbeth«, »Andrea Chénier« oder »Rusalka«. Es singen Sondra Radvanovsky, SeokJong Baek und Simon Keenlyside.

Orchesterkonzert III
EDVARD GRIEG,
PETER I. TSCHAIKOWSKI,
DMITRI SCHOSTAKOWITSCH

Im ersten von zwei Konzertprogrammen des Mahler Chamber Orchestra dirigiert Gianandrea Noseda Griegs berühmte »Peer Gynt«-Suite. Danach steht Tschaikowskis Violinkonzert D-Dur op. 35 mit Solist Augustin Hadelich auf dem Programm, bevor der Abend mit Schostakowitschs 9. Symphonie endet.

Late Night Tango

Der in Turku geborene Bass Matti Salminen wird in einem Nachtkonzert mit Musikerinnen und Musikern des Finnish Radio Symphony Orchestra die melancholische Tiefe finnischer Tangokompositionen beschwören.

»Requiem(s)« - Tanz
Angelin Preljocaj

Erstmals bringt der französisch-albanische Choreograph Angelin Preljocaj seine Compagnie nach Salzburg und präsentiert mit »Requiem(s)« seine jüngste Kreation für 19 Tänzerinnen und Tänzer rund um die Gefühle, die man nach dem Tod eines geliebten Menschen spürt.

»Wounds & Wonders« - Elektro
DJ ALMA, DJ CAMBIS

DJ Alma und DJ Cambis gestalten 2025 mit »Wounds & Wonders« eine Nacht zischen Elektro & Mussorgski, Techno & Sopran und Wunden & Wundern, unterstützt von den Vocals der persischen Sängerin Sogoli Livani.

»Stuck In Here«

Im Rahmen der Osterfestspiele 2025 präsentieren wir das Fotoprojekt »Stuck In Here«: Es ist einer Serie von Bildern und Zeugnissen, die der Zivilbevölkerung, die in einer Konfliktsituation feststeckt, durch Fotos aus ihrem täglichen Leben eine Stimme geben soll. Es ist ein Weg, vor allem jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte zu erzählen und über die Grenzen hinaus zu existieren. Das Projekt, das sich derzeit auf die Ukraine konzentriert, wurde von der Künstlerin Orianne Ciantar Olive zunächst auf Instagram initiiert und dann in Museen wie dem Centre Pompidou in Paris ausgestellt. Neu erschienen ist ein Buch bei Revers éditions, das eine größere Verbreitung dieser Geschichten sicherstellen soll, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Instagram: @_stuck_in_here